Das aktuelle Urteil im Arzthaftungsprozess zur ärztlichen Aufklärungspflicht (Juli 2007)

1. Kann eine Zyste auf laparaskopischem Weg (Schlüssellochchirurgie) oder durch Laparatomie (offene Operationsmethode) beseitigt werden, muss der Arzt die Patientin darüber und über die Risiken beider Möglichkeiten aufklären, wenn keine Methode im konkreten Fall deutliche Vorteile hat.
(OLG Koblenz; Urteil vom 12.10.2006)
 
2. Der Arzt operierte die Patientin am 17.09.1990 laparaskopisch, um eine Zyste zu beseitigen. Der schlechte Zustand der Patientin machte am 20.09.1999 eine Revisionsoperation notwendig. Dabei zeigte sich, dass der Dünndarm an seiner letzten Schlinge perforiert war. Von Oktober 1999 bis August 2000 wurden bei der Patientin zahlreiche stationäre und ambulante Folgebehandlungen erforderlich. Für deren Kosten macht die Patientin den Arzt verantwortlich und verlangt Schadensersatz und Schmerzensgeld. Sie wirft ihm vor, er habe den Eingriff vom 17.09.1999 ohne Aufklärung über Risiken und alternative Behandlungsmethoden durchgeführt.
Das Landgericht hat die Klage zunächst abgewiesen. Das Berufungsgericht hat der Patientin Recht gegeben.
 
3. Der Arzt musste für die Folgen des Eingriffs vom 17.09.1999 einstehen, weil er ihn ohne vollständige Aufklärung durchgeführt hatte. Der Arzt musste der Patientin als alternative Behandlungsmethode den offenen Bauchschnitt neben der von ihm gewählten Laparaskopie anbieten, die zu der schadensauslösenden Darmperforation geführt hat. Dies gilt jedenfalls dann, wenn sich beide Methoden mehr oder weniger als gleichwertig gegenüberstanden und keine Methode eindeutige Vorteile gehabt hätte. Von dieser Aufklärung wäre der Arzt nur dann befreit gewesen, wenn die von ihm gewählte Methode im Vergleich zur Alternative das anerkannte Standardverfahren gewesen wäre. Im vorliegenden Fall hätte sich aber die offene Operation als konkrete Alternative angeboten. Darüber musste die Patientin aufgeklärt werden, um selbst prüfen zu können, auf welche Behandlung sie sich in ihrer persönlichen Situation einlassen wollte.
 
4. Ein Arzt haftet also auch dann für Komplikationen und Schäden im Anschluss an eine Operation, wenn kein Behandlungsfehler vorliegt oder nicht nachgewiesen werden kann, die genügende Aufklärung des Patienten aber unterblieben ist und der Patient darlegen kann, dass er bei vollständiger Aufklärung sich zu diesem Zeitpunkt, in dieser Klinik und von diesem Arzt nicht hätte operieren lassen, sondern noch andere Meinungen eingeholt und sich mit Bekannten und Angehörigen besprochen hätte.
 

Rechtsanwalt Manfred Forster


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